Bordeaux

Bordeaux

Faszination für grosse Klassiker

Reisebericht von Christoph Schäpper

Das Epizentrum der Weinwelt
Wiederkehrenden Unkenrufen zum Trotz ist und bleibt Bordeaux das Zentrum für Spitzenweine. Nirgends gibt es eine solche Dichte von grossen Crus, die weltweit Massstäbe setzen. Es ist überhaupt weltweit das grösste Anbaugebiet für Qualitätsweine. Das Zusammenspiel von Terroirs, Mikroklimas und Know How ist einzigartig.

In den vergangenen Jahren habe ich vor allem mediterrane Weingebiete besucht. Eine Reise nach Bordeaux war überfällig. Mit dabei waren diesmal meine Frau und Geschäftspartnerin Milica Mandura und zwei der profundesten Kenner der Bordeaux-Weinszene: Max Gerstl aus Bad Ragaz und Heiner Lobenberg von «Gute Weine» aus Bremen. Sie stehen seit Jahrzehnten in direktem Kontakt zu allen wichtigen Winzern und verkosten regelmässig hunderte von Bordeaux-Weinen. Tür und Tor stehen ihnen offen, sicher auch dank ihrer sympathischen und offenen Art. Um es vorwegzunehmen - die Reise mit ihnen war ein absolutes Highlight!

Chinesen erobern den Bordeaux-Markt
Bei meiner letzten Reise vor etwa vier Jahren hat man nur verhalten von neuen Märkten wie China gesprochen. Heute kaufen finanzkräftige Chinesen den Premium-Bereich förmlich leer. Die Preise der Premier Crus und der höchstbewerteten Châteaux war schon immer hoch, in den vergangenen Jahren sind sie förmlich explodiert. Eine Flasche Premier Cru kostet heute deutlich über CHF 1000.–. Wie immer und überall im Luxussegment geht es auch bei diesen prestigeträchtigen Gütern eher um Macht und Geld als innere Werte. Unser Weingeschäft tangiert dies kaum, denn nebst «Spekulationsweinen» gibt es genug Perlen, die mindestens so gut sind und einen Bruchteil kosten.

Garage-Winzer sind out
Weine von Garage-Winzern waren lange in aller Munde. Die oftmals etwas oberflächlich für den Markt und stilistisch für den Geschmack von Parker gemachten Weine scheinen in der Versenkung zu verschwinden. Gerade auf dieser Bordeaux-Reise haben wir wieder festgestellt, wie wichtig das Terroir ist. Auch die raffinierteste Önologie und Technik kann eine gute Reblage nicht ersetzen.

Bioweine nun auch in Bordeaux im Trend
Auf meine Fragen nach biologischem Anbau wurde ich speziell in Bordeaux früher oft schräge angeschaut: «Die Qualität stehe im Zentrum und biologischer Anbau sei in Bordeaux gar nicht möglich...» In der Zwischenzeit geben sich fast alle Weingüter einen ökologischen Touch und Bioweine sind klar im Aufschwung. Vorzeigegüter wie Pontet-Canet erzeugen seit ihrer Umstellung auf biologischen und biodynamischen Anbau so grossartige Qualitäten wie nie zuvor. Höchste Bewertungen und leider auch Preise sind die Folge. Sicher haben auch der Erfolg von Spitzengütern wie Romanée Conti oder Domaine Leflaive im Burgund, die ihre Weingüter schon vor Jahren auf biologischen Anbau umstellten, einige Gutsbesitzer nachdenklich gemacht.

Fast jeder Winzer sieht sich heute in der einen oder anderen Form der Ökologie nahe stehend. Dabei stehen wohl Marketinggründe im Vordergrund. Sobald etwas Wetterdruck kommt, wird im Normalfall noch immer mit chemisch synthetischen Mitteln gespritzt.

Richtig guter biologischer Anbau ist aber nicht so einfach umzusetzen und braucht jahrelange Erfahrung, höchste Aufmerksamkeit und echte Überzeugung. Besonders gilt dies in Gegenden wie Bordeaux, wo der Feuchtigkeitsdruck gross ist und eine Monokultur herrscht.

Unsere Sicht ist klar: Ein Betrieb, der von der ökologischen Anbauweise wirklich überzeugt ist, stellt mittelfristig seinen ganzen Betrieb um und lässt sich auch kontrollieren. Die Kontrolle ist Ansporn für den Winzer und nicht zuletzt eine Sicherheit für den Konsumenten.

Sweet News aus Sauternes
Die Zeichen für den kontrollierten biologischen Anbau in Bordeaux stehen gut. So werden 10% aller Sauternes-Weingüter ab 2012 zertifiziert. Ein Vorreiter ist Château Guiraud, dem ersten biologisch zertifizierten 1er Grand Cru Classé aus Bordeaux. Xavier Planty hat 1995 mit der Umstellung begonnen. Nebst dem Verzicht auf chemisch-synthetische Spritzmittel hat er grosse Ausgleichsflächen mit Hecken und verschiedenen Pflanzen geschaffen und Insekten-Behausungen aufgestellt um die Biodiversität zu stärken. In einer Studie vom letzten Sommer wurden auf den 100 ha von Château Guiraud 635 verschiedene Insektenarten gezählt im Vergleich zu 200 auf konventionell arbeitenden Gütern. Ab dem Jahrgang 2008 ist das Weingut offiziell in Umstellung und ab dem Jahrgang 2010 erhält es die definitive Zertifizierung als biologisches Weingut.

Xavier Planty: «Bei der Umstellung auf biologischen Anbau muss man der Pflanze Zeit lassen um wieder ins Gleichgewicht zu kommen, selbst wenn dies zu Beginn zu kleineren Erträgen führt. Heute sind meine Weine klarer, besser strukturiert, mit einer grossen Aromavielfalt. Ich schäme mich beinahe, wenn ich frühere Jahrgänge degustiere, die ich als zu fade und flach empfinde.» 

Gesuchte Perlen aus St-Emilion
Als Cathérine Papon-Nouvel mit 24 Jahren ihr Önologiestudium abschloss, war sie Saint Emilions jüngste Winzerin. Seither hat sie vieles anders gemacht. Nebst rigoroser Ertragsbeschränkung war es vor allem die Umstellung auf den biologischen Anbau. Lange belächelt und sogar argwöhnisch betrachtet geniesst sie heute höchste Anerkennung. 95/100 Parker oder 19/20 Weinwisserpunkte sind keine Ausnahme. Cathérine Papon-Nouvel leitet nebst Château Peyrou im Côtes de Castillon, wo sie auch wohnt, die drei Saint Emilion-Güter Château Petit Gravet Aîné, Clos St-Julien und Château Gaillard. Alle vier Weingüter sind biologisch zertifiziert. Die beiden Mini-Weingüter Clos St-Julien und Petit Gravet Aîné sind ultra rar und sehr gesucht. Mit dem 2009-er Château Gaillard führen wir bisher besten Jahrgang dieses Weingutes. Von Château Le Peyrou haben wir den 2010-er gewählt, der uns noch besser als der 2009-er gefallen hat. Wir erwarten den Wein für den Herbst dieses Jahres. Vom Clos St-Julien und Petit Gravet Aîné werden wir im kommenden Frühjahr wieder ein paar Kisten anbieten können. Die Weine von Cathérine haben enorme Tiefe, sind vielschichtig und was im Vergleich zu anderen Crus auffällt ist ein zusätzlicher Charme, der nur schwer zu beschreiben ist. Auf jeden Fall ist das Weinkunst auf höchstem Niveau.

Überraschung im Pomerol
Die kleine und prestigeträchtige Appellation Pomerol war für den biologischen Anbau bisher nicht gerade zugänglich. Auf unserer Reise waren wir an einem fast sommerlichen Abend eingeladen auf Château Beauregard, einem der schönsten und nobelsten Weingüter des Pomerol. Die 1795 gebaute «Résidence» mit grossem Park hat einen einmaligen, fast magischen Charme. Das Weingut ist umgeben von 17.5 ha Reben mit besten Lagen. Eigentlich ideal für biologischen Anbau. Die jüngsten Weine aus 2010 und die Fassmuster von 2011 haben mich begeistert: Feinste, klar Frucht, sehr elegant und doch mit viel Kraft, nicht überextrahiert und doch tief. Bei Sonnenuntergang auf der Steinterrasse, umgeben von einem kleinen See und altem Baumbestand, wurden uns kleine Häppchen zu einem Glas Sauvignon Blanc serviert. Vincent Pirou, der seit mehr als zwanzig Jahren das Weingut leitet, passt mit seiner ganzen Persönlichkeit bestens zu Beauregard: Stilvoll, elegant, charmant und sympathisch.

Auf die Frage, wie sie den zum biologischem Anbau stehen dann die überraschende Antwort: «Der biologische Weinbau liegt mir schon lange am Herzen. Wir haben in den letzten Jahren viel in die Richtung unternommen. Zunächst stellten wir unser Schwestergut in Lalande de Pomerol um. Seit dem Jahrgang 2011 ist auch Château Beauregard in Umstellung auf kontrolliert biologischen Anbau.» Ja, und mit Cathérine Papon Nouvel habe er studiert und grossen Respekt vor ihrer Arbeit. Wau! Das anschliessende Nachtessen war dann umso schöner, ich war aufgeregt und erfreut wie ein kleines Kind. Der Gedanke des biologischen Anbaus ist offensichtlich angekommen...

Nachtrag
Wie volatil der Bordeaux-Markt ist zeigt die jüngste Entwicklung der Jahrgänge 2011 bis 2013, die uneinheitlich ausgefallen sind. Die Nachfrage aus dem asiatischen Raum ist bereits zusammen gebrochen, so wie in der Folge auch die Preise. Die Premier-Crus sind um ca. 30% günstiger zu haben, was aber wohl immer noch zu hoch ist.

 

> mehr zu den einzelnen Weinen

> mehr zu Catherine Papon-Nouvel

St-Emilion - malerisches Winzerstädtchen
Keller von Château Beauregard, Pomerol
Catherine Papon-Nouvel von Château Gaillard und Peyrou
Die Grundlage von ganz grossen Rotweinen...
Christoph, Vincent Pirou von Beauregard und Max Gerstl
Kalksteinkeller unter St-Emilion
Einfache Bistros - grosse Weine
Bioanbau ist auch in Bordeaux auf dem Vormarsch
Nachtessen auf Château Beauregard