Das Gefühl des Erhabenen

Von Christian Seiler «Das Magazin»

Der Rausch ist ein zwiespältiger Vertrauter. Einerseits unterhalten viele von uns eine heimliche Liebesbeziehung zu ihm, andererseits fällt uns das Bekenntnis zu ihm schwer. Wie viele Stunden habe ich schon damit verbracht, über diese oder jene Facetten eines grossen Weins zu diskutieren, seinen Duft, seine Textur, seine – uff – Mineralität. Mit Koryphäen aller Couleurs habe ich die im Wein verborgenen Analogien zu Musik, Poesie, Philosophie vermessen (das konnte sehr lustig sein), oder ich habe nach der Anleitung des vielleicht unerschrockensten Weinkritikers Deutschlands, Manfred Klimek, Noten im Wein entdeckt, die nun gar nicht poetisch sind, sondern höchst gegenständlich: «Klebstoff, Benzin, nasse Steine am Bachbett, (...) einen frisch gespülten Aschenbecher oder Kinderspielzeug aus Plastik, das von der Sonne geröstet wird.» Aber nie habe ich mit jemandem ein Fachgespräch über den Rausch geführt, auch wenn dieser (der Rausch) stets mit uns am Tisch sass und mit Fortdauer des Kostens immer breiter zu grinsen begann. Kosten: Allein dieses Wort ist ja eine unzulässige Verniedlichung dessen, was mit uns geschieht, wenn wir Alkohol zu uns nehmen. 

Bekanntlich bewirkt die Gegenwart von Alkohol im Blut die Ausschüttung von Endorphinen, was die Euphorie erklärt, die uns nach dem Genuss von zwei, drei Gläsern Champagner, Wein oder Cocktails überkommt. Suchtforscher werden an dieser Stelle den Zeigefinger heben und in exakt dieser Euphorie den Grund für spätere Abhängigkeiten erkennen, für persönliche und gesellschaftliche Abstürze und die unvermeidliche Einweisung in die Betty-Ford-Klinik. Ich weiss. Trotzdem wäre das Weintrinken nur der halbe Spass, wenn wir neben dem gewiss eindrucksvollen Strauss an Aromen und Nuancen nicht eine ebenso eindrucksvolle Vielzahl an Zuständen erleben würden: die leise, fast unmerkliche Beschwingtheit nach dem ersten Schluck, der elegante Schwung nach dem zweiten Glas, die funkelnde Euphorie, die sich noch etwas später einstellt. Wir sprechen hier nicht über Exzesse, niemand wankt, niemand schwankt, niemand verschwindet aus dem Raum, um viel später mit falsch zugeknöpfter Hose wieder zu erscheinen und Kaffee und Aspirin zu bestellen. So weit wollen wir nicht gehen. So weit gehen wir auch nicht (jedenfalls nicht oft; und schon gar nicht regelmässig). Freilich unterscheidet sich das Weingeschwätz vom Vermessen des Zustands, den der Wein erzeugt, in einem wesentlichen Punkt: Wer die Herkunft eines Weins, seine Besonderheiten, die Finessen seines Geschmacks gut kennt und verbalisieren kann, gilt als Experte. Wer den Rausch lobt (und womöglich fachkundig spezifiziert), gilt als Fall für die Anonymen Alkoholiker.

Als wäre das eine ohne das andere zu haben. Entsprechend begeistert war ich, als ich zuletzt das neue Buch der belgischen Autorin Amélie Nothomb zu lesen begann. Es heisst «Die Kunst, Champagner zu trinken» und beginnt so: «Einen Rausch sollte man nicht improvisieren. Sich zu betrinken ist eine Kunst, die Talent und Sorgfalt erfordert. (...) Nichts macht mich trauriger als Menschen, die vor der Verkostung eines grossen Weins ‹einen Happen essen› wollen: Das ist eine Beleidigung des Essens und noch viel mehr des Getränks. ‹Sonst steigt er einem ja gleich zu Kopf›, faseln sie und machen es damit nur noch schlimmer. Dann sollten sie besser auch keine schöne Frau mehr ansehen, weil sie ihnen den Kopf verdrehen könnte.

Beim Trinken den Rausch vermeiden zu wollen ist ebenso kläglich, wie sich beim Hören sakraler Musik gegen das Gefühl des Erhabenen zu sperren.»

Vielleicht zuerst Bachs Johannes-Passion in der Einspielung von Nikolaus Harnoncourts «Concentus Musicus Wien»; dann, zum Vergleich, die Flasche Riesling vom Weingut Wittmann aus Rheinhessen; vielleicht auch beides gleichzeitig: was für eine Reise.

- Amélie Nothomb: Die Kunst, Champagner zu trinken, Diogenes, 2016

- Johann sebastian bach: Johannes-Passion, Concentus musicus Wien/nikolaus harnoncourt, Warner Classics

- Weingut Wittmann: Gutsriesling. über www.amiata.ch

Im Keller von Wittmann
Rebberge vom Gutsriesling
Eva und Philipp Wittmann